Vernissage 16. September 2021

  

Ausstellung Mohr-Villa Freimann 

AUGEN–BLICKE

PORTRÄTS

16. September -- 24. Oktober 2021

 

Abbildungen siehe Galerie -> Porträts

 

Themenkreis und Credo

Seit Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Bildgattung des Porträts. Mein künstlerisches Credo knüpft an Fausts Wette mit Mephistopheles an (J. W. Goethe, Faust I, V 1699-1702): 

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

 

Fausts Bekenntnis wird von mir jedoch negiert. Meine Losung lautet:

Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann hast du mich in Bann geschlagen,

Dann will ich nicht mehr von hier gehen!

 

Goethe selbst hat sich bei aller Begeisterung für Erkenntnisdrang und Erlebnishunger sehr kritisch über die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit seiner eigenen Zeit geäußert. Für ihn lag das Seelenheil nicht in der Sensation. 

Hier nehme ich eine ebenso zeitkritische Haltung ein, die nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine gesellschaftspolitische Position markiert. Meine Arbeiten stellen sich modischen Trends wie der Selfie-Manie entgegen, die das menschliche Antlitz zu etwas Allgegenwärtigem und allseits Verfügbarem macht und es häufig zugleich entwertet und sinnentleert.
 

Das Porträt rückt – wie kaum eine andere Bildgattung – den Menschen in den Mittelpunkt. Es ist gleichbedeutend mit Dialog, Austausch und visueller Kommunikation. Meist bilde ich historische und zeitgenössische Personen ab, um „allgemein Menschliches“, Zeitspezifisches und ganz Individuelles sichtbar zu machen. Ich nähere mich meinen Sujets diskret, aber nicht distanziert; eigenwillig, aber nicht manipulativ. Die Porträts zielen nicht auf schrille Provokation ab, sondern laden zu einer Vertiefung ein, die mit wohltuender Einfühlung einhergeht.

Meine Bildnisse zeigen Menschen, die nichts anderes tun, als auf ein Gegenüber oder in den Raum zu blicken. Diese Augen, die blicken, verlangen nach einem ebenso intensiv gerichteten Gegenblick. So entsteht ein Dialog – zwischen Bild und Betrachter und auch zwischen den Porträtierten. Die Bilder laden zu einer Betrachtung ein, die dem Kick entgegentritt und ein bewusstes Innehalten zulässt – eine Art „Andacht“ (siehe unten „Ikonostase“). Sie sind gleichsam Slowfood für das Auge. 

Das Betrachten des breiten Porträtspektrums lädt zu Fragen ein: Gibt es ein „typisches“ Antlitz der Renaissance oder der Moderne und wenn ja, wie sieht dieses aus? Welche Merkmale von Gesichtern sind modischen Erscheinungen zuzurechnen (Haartracht, Kopfbedeckung) und welche sind zeitlos? Wie wirkt ein vermeintlich „typisches Renaissance-Gesicht“, wenn es in der charakteristischen Stilistik der modernen Popkunst wiedergegeben wird, etwa im farbenfrohen Siebdruck? Oder wie erscheint der Freskenkünstler Signorelli in einem Holzschnitt, der sich an die Manier der frühen Moderne anlehnt? Entstehen durch solche „Übersetzungen“ Brüche oder Brücken?

 

Technik und Stilistik 

Bewusst greife ich auf traditionelle Drucktechniken zurück, die ich aber stilistisch breche und experimentell erweitere. Eine Werkgruppe kreist um epochentypische Bildnisse (Renaissance, Barock, Klassizismus), die jedoch in ihrer Formgebung gleichsam durch die gesamte Kunstgeschichte zurück und voraus projiziert werden: So erinnert das Werk Hommage an Aspertini zugleich an Mumienporträts, byzantinische Ikonen, mittelalterliche Fresken oder Tafelmalerei und auch an gesprühte Schablonenbilder aus der zeitgenössischen Street Art.

Drucktechniken wie Farbholzschnitt, Siebdruck und Pochoir eignen sich besonders gut dafür, die Prinzipien der Serie und der Variation auszuloten, denn diese Verfahren machen sichtbar, welche „ästhetischen Entscheidungen“ des Künstlers zu welchen bildlichen Ergebnissen und visuellen Eindrücken führen. Bei vielen meiner Serien betreibe ich systematische Farbwirkungsstudien, stets auf der Suche nach schwingenden Farbakkorden.

 

Präsentation

Nicht nur in meiner Technik und Stilistik begegnen sich Tradition und Innovation, auch Rahmung und Hängung verbinden moderne Methoden (Serie, Collage) mit überlieferten Konzepten, etwa dem der „Ikonostase“ (der Ikonenwand in der Ostkirche). Die Bildniswand lädt zu besinnlichem Verweilen ein; sie will in Ruhe gelesen" werden. 

 

Mohr-Villa Freimann, Situlistraße 73, Kaminzimmer 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Homepage Harald Stadler, München, Germany